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Archiv für den Monat Juni 2011

Photos: Anja Köhne

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Willingshausen. Nach der Natur – so heißt die aktuelle Ausstellung der 32. Künstler- Stipendiatin Friederike Lorenz, die am Donnerstagabend in der Willingshäuser Kunsthalle eröffnet wurde: Etwa 60 Gäste waren gekommen, um sich anzuschauen, wie sich die Kasselerin in den vergangenen Wochen die Welt der Schwalm erschlossen hat. Entstanden sind während ihres Aufenthaltes mehr als 250 Zeichnungen. „Die Hauptaufgabe von Künstlern ist es, das Schöne hässlich zu machen und das Hässliche schön zu finden“, erklärte Kurator Bernhard Balkenhol in seiner Laudatio und spielte damit auf ein großes Desaster in der Mitte des Raumes an: Dort hatte Friederike Lorenz jene Papierschnipsel zu einer Landschaft zusammen gesetzt, auf denen letztlich nichts Brauchbares für ihre Ausstellung entstanden war. Die „hässlichen“ Schnipsel hat sie wieder zu einem Ganzen zusammen gefügt und alles mit rosafarbenem Zuckerguss übergossen.

Wortspiele und Skizzen: Die Kasseler Künstlerin Friederike Lorenz hat drei Monate lang in Willingshausen gelebt und gearbeitet. Foto: Rose

Um mehr über Willingshausen zu erfahren, habe Lorenz in einigen Betrieben des Ortes arbeiten wollen: „Künstler haben ja nie Geld“, ironisierte Balkenhol. Nachdem sie gesehen habe – „und das war gar nicht so einfach auszuhalten“ – wie ein Schwein geschlachtet wurde, sei es jedoch nicht mehr nötig gewesen, überall zu arbeiten. „Die Leute erzählten von selbst, was hier schön ist.“

Danach sei Lorenz quasi übervoll gewesen: All das habe sie nicht nur in Zeichnungen verarbeitet, sondern auch in Notizen, Aufzeichnungen und Bemerkungen. Mit Zeichenstift und Wörtern habe sie auf Papier gebracht, was sie verstanden habe. Doch dabei objektiv zu sein, das wäre Friederike Lorenz zu einfach gewesen. Sie habe in den Zeichnungen viel Privates und Persönliches preisgegeben. „In dem Moment, wo sie das öffentlich macht, muss sie aber auch die Verantwortung übernehmen“, erläuterte Balkenhol. Lorenz stelle sich den Menschen: „Wer sie fragt, dem wird sie auch antworten müssen.

Der Kurator empfahl den Besuchern, genau wie die Künstlerin es getan habe, den Dialog, die Doppelbödigkeit zuzulassen: „Wenn die Zeichnung anfängt, zu erzählen, ist das manchmal schwer auszuhalten.“ Denn es stelle sich die Frage der Verantwortung und ob manches noch verantwortbar sei. Bernhard Balkenhol gab den Gästen deshalb mit auf den Weg: „Ich wünsche Ihnen gutes Aushalten in der Ausstellung und mit sich selbst.“

Von Sandra Rose

Eröffnung der Stipendiatinnen-Ausstellung in der Künstlerkolonie Willingshausen

nach der Natur – Friederike Lorenz

Donnerstag, den 09. Juni 2011 um 18 Uhr
Kunsthalle im Gerhardt-von-Reutern-Haus
Merzhäuser Straße 1, D-34628 Willingshausen

Ausstellungsdauer: 10.6. – 2.7.2011
Öffnungszeiten: Di – Fr 14 – 17 Uhr, Sa – So 10 – 12 Uhr und 14 – 17 Uhr,
sowie nach Vereinbarung (Tel. 06697-1418)

Liest man den Titel der Ausstellung, den Friederike Lorenz am Ende ihres dreimonatigen Stipendiums in Willingshausen im Gerhardt-von-Reutern-Haus eingerichtet hat, könnte man meinen, hier hat eine Künstlerin das Erbe der Willingshäuser Malerkolonie ernst genommen. „Nach der Natur“ lässt Naturstudium vermuten, zeichnen und Malen in der Natur und nach der Natur, wie es die Maler des 19.Jahrhunderts geübt haben. Und so falsch ist diese Vermutung auch nicht – wenn man „Natur“ nicht nur als die Erscheinungsform der Landschaft, der Pflanzen und Tiere, der Menschen versteht, sondern als die „Natur der Dinge“.

Friederike Lorenz hat sich umgesehen und – mehr noch – umgehört, sie hat sich vieles zeigen und erzählen lassen. Über 250 Zeichnungen sind auf diese Weise entstanden, als Notizen, Aufzeichnungen, Bemerkungen. Es sind sehr persönliche Arbeiten im kleinen wie im großen Format, Gedanken und Kommentare, die über die Kunst öffentlich werden.

Das Private öffentlich machen ist auch das Prinzip ihrer sehr eigenen künstlerischen Sprache. Ein Ast der auf einen anderen trifft, eine Situation im Ort, eine Empfindung oder Meinung über eine aufgetauchte Frage, ein unterschwelliger oder auch offener Konflikt – das Konkrete muss sich exemplarisch formulieren, will es nicht einfach nur Tagebuch sein. Friederike Lorenz also will verstanden werden und zeichnet deshalb auch das, was sie gesehen hat, so, dass der Betrachter es lesen kann. Zum Anderen aber „verzeichnet“ sie sich, um sich das Unsagbare zu sagen, das was in nicht sichtbarer Form dahinter steht. Sie nutzt Kürzel und erfindet Zeichen für Menschen, Häuser, Gegenstände, um auf einfache Weise zu Erzählungen zu kommen, und beschriftet die Szenen wie ein Comic. Und nicht zuletzt verführt sie ihr Werkzeug und Material (Pinsel, Stift, Farbe, Faden, etc.), sich zu verselbständigen und damit sie – und die Zeichnung – zu überraschen. So taucht sie die sensiblen und scharfen Beobachtungen und Bemerkungen, die ironischen bis bösen Kommentare, aber auch die leisen poetischen Formulierungen in ein selbstreflexives Moment künstlerischer Sprache.
Zur Person:

Friederike Lorenz, 1980 geboren in Rodewisch/Vogtland, studierte bis 2008 Bildende Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und anschließend als Meisterschülerin von Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel. Studienaufenthalte in Vietnam und China, 2003/4, und ein Austauschstudium über den DAAD an der Tokio National University of Fine Arts and Music in Japan, 2006, bereicherten deutlich ihre künstlerische Entwicklung. 2009 erhielt sie das Jahresstipendium des Thüringer Kultusministeriums, für 2011 das Arbeitsstipendium in der Künstlerkolonie Willingshausen. Friederike Lorenz lebt und arbeitet in Kassel.

Das Künstlerstipendium Willingshausen wird getragen von
der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen,
art regio – Kulturengagement der Sparkassenversicherung,
der Gemeinde Willingshausen und dem Schwalm-Eder Kreis